Wem die Stunde schlägt…

Wem die Stunde schlägt…

Als kleiner Bub da reiste ich
Zu Verwandten hin nach Münster.
Mit fünf, sechs Jahren – ich erinnere mich,
Wenn auch nur schwach und finster,
An eine große Uhr, die stand
Vornehm im guten Zimmer.
Ich seh sie noch an dieser Wand
Mit ihrem goldnen Schimmer.
Was mich damals so fasziniert,
war einfach ihr Tick-Tack.
Halbstündlich wurde jubiliert
bei wunderschönem Schlag.
Mutter erzählte mir von Zeiten,
da ihre Eltern waren sich treu.
In die Ehe sollte sie begleiten
Die Standuhr -war grad nagelneu.
Sie schlug vielmals für Kinderleben.
Leider war manches viel zu kurz.
Sie konnte guten Takt angeben
Erlebte Glück und tiefen Sturz.
Sie blieb verschont in Kriegeszeiten
Wechselt dabei so manchen Raum.
Ich kenn nicht alle Einzelheiten.
Ihr Klang blieb immer mir ein Traum.
Auch später traf ich meine Uhr
Gelegentlich bei den Verwandten.
Sie zeigt vom Alter kaum die Spur
Gepflegt von meinen Tanten.
Zuletzt war nur noch Hermann da.
Mein alter Onkel schenkte mir
In seinem dreiundneunzigsten Jahr
Die alte Uhr als Souvenir.
Seit langer Zeit ist sie ein Teil
Der Familiengeschichte.
Leicht repariert und wieder heil
Hängen die Uhrgewichte.
Sie schlägt exakt sekundenlaut
Bringt vollen Klang den Stunden.
Mir ist sie nunmehr anvertraut –
Hab mich mit ihr verbunden.
Wenn meine Zeit zu Ende geht,
wem wird die Uhr dann schlagen?
Ob sie bei einem Enkel steht,
Das kann ich heut (noch) nicht sagen.

Werbeanzeigen

2 Kommentare zu “Wem die Stunde schlägt…

  1. Zufällig – wie so oft hier im Internet – komme ich auf diese Seite (via Twitter)
    und zu Familiengeschichten fällt mir sofort ein, dass auf fast jeder Familienfeier hier in Baden-Württemberg einer aus dem Clan zur fortgerückten Stunde „die Uhr“ vorgetragen hat:
    Ich trage, wo ich gehe, stets eine Uhr bei mir;
    Wieviel es geschlagen habe, genau seh ich an ihr.
    Es ist ein großer Meister, der künstlich ihr Werk gefügt,
    Wenngleich ihr Gang nicht immer dem törichten Wunsche genügt.

    Ich wollte, sie wäre rascher gegangen an manchem Tag;
    Ich wollte, sie hätte manchmal verzögert den raschen Schlag.
    In meinen Leiden und Freuden, in Sturm und in der Ruh,
    Was immer geschah im Leben, sie pochte den Takt dazu.

    Sie schlug am Sarge des Vaters, sie schlug an des Freundes Bahr,
    Sie schlug am Morgen der Liebe, sie schlug am Traualtar.
    Sie schlug an der Wiege des Kindes, sie schlägt, will’s Gott, noch oft,
    Wenn bessere Tage kommen, wie meine Seele es hofft.

    Und ward sie auch einmal träger, und drohte zu stocken ihr Lauf,
    So zog der Meister immer großmütig sie wieder auf.
    Doch stände sie einmal stille, dann wär’s um sie geschehn,
    Kein andrer, als der sie fügte, bringt die Zerstörte zum Gehn.

    Dann müßt ich zum Meister wandern, der wohnt am Ende wohl weit,
    Wohl draußen, jenseits der Erde, wohl dort in der Ewigkeit!
    Dann gäb ich sie ihm zurücke mit dankbar kindlichem Flehn:
    Sieh, Herr, ich hab nichts verdorben, sie blieb von selber stehn.

    beste Grüße aus Karlsruhe
    -die Globetrotterin-
    (Habe übrigens auch noch Verwandschaft in Oer, Haardgrenzweg wohnen) 🙂

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: