Zerrissen

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Ein alter Weidepfahl in sich zerrissen –
spaltet sich bald wohl selbst entzwei.
Sein Faserwerk so tief gesplissen
Standfestigkeit ist längst vorbei.
Seine Jahresringe arg zerklüftet –
manch Höhle klafft lichtleer zum Grund.
Der Zeitverbund sich spröde lüftet.
Leicht frostig küsst die Morgenstund.
Wie faltig schaut das Holzgesicht
nach vielen rauen Wetterjahren.
Der stärkste Kern inmitten bricht –
wo einst die größten Kräfte waren.
Ein jedes Jahr zeugt neuen Ring
Der Baum fügt Holz zum festen Stamm.
Als dann die Zeit als Pfahl anfing,
Zerrissenheit zum Ende kam.

Zerrissen sind auch oft Gefühle.
Doch Alter ist hier nicht im Spiel
Verrückt werden im Herzen Stühle
Es ändert sich der Wege Ziel.
Zerrissenes lässt sich selten kitten.
Getrenntes wird oft nicht vereint.
Da hilft kein Hoffen oder Bitten
Die frühe Freude später weint.
Zerrissen war die Kinderhose.
Beim Fußball wurde hart gekämpft.
Die Hand der Eltern war dann lose –
die Siegesfreude schnell gedämpft.
Die Hose blieb nicht lang zerrissen.
Die Mutter nähte sie geschwind.
Das Stück war lang noch nicht verschlissen.
Der Unglücksknabe war ihr Kind.

Zerrissen sind auch manche Träume.
Was da erscheint, ist plötzlich fort.
Ich schwebe durch fiktive Räume,
wechsle zu längst entschwundenem Ort.
Der Traum platzt wie eine Seifenblase
Seine bunten Fetzen fang ich nicht.
Fortgerannt schnell wie ein Hase
schwindet sein Film im Tageslicht.

Am Weidepfahl schmilzt zartes Eis –
der Morgenschmuck zerreißt ins Nass.
Der Sonnenstrahl wurd ihm zu heiß,
bis Wasser tropft fern jedem Hass.

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