Alteingeweckt

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In unserem Küchenkeller
geht manche Zeit kaum schneller.
Im Jahrzehntestaub ruht dort der Wein –
wird oft wohl kaum noch trinkbar sein.
Vielleicht macht uralt ein Bordeaux
die Geschmacksknospen im Mund noch froh.
Mit dem Wein spiel ich hier Lotterie:
denn die Prognose stimmt fast nie.
Manch Tropfen wird so hoch verehrt,
dass er die Erben später stört.
Eine zweite Küchenantiquität
im Wandregal vereinsamt steht.
In alten Gläsern erspäh ich braune Masse
verspricht mir kaum die Extraklasse.
Ich schau mir an, was drinnen steckt –
Urewigkeiten eingeweckt.
Im ersten Glas verweilen Birnen,
die nach der Lagerzeit erzürnen.
Daneben geduldigen sich Mirabellen –
die obersten mit dunklen Stellen.
In zwei Gläsern sind Pfirsiche eingemacht –
für Torten damals eine Pracht.
Als letztes find ich Kirschen konserviert,
deren Rot sich ganz im Saft verliert.
Stammt manches Glas von Muttern noch?
Die Frage kümmert mich dann doch.
Kann man das Obst nach so vielen Jahren
als Nahrung wohl noch offenbaren?
Das alte Gummi ist ganz porös,
reißt ab und macht mich fast nervös.
Dann nehme ich eine Messerklinge
und hoffe, dass es mir gelinge,
den Unterdruck nun aufzuheben.
Zielfixiert wird ich nicht aufgeben.
Da plötzlich macht das Ganze zisch.
Das offene Glas kommt auf den Tisch.
Ein Löffel der ist schnell zur Hand.
Ich nehm ein Stück erst mal vom Rand.
Ich schnupper – doch mit etwas Mut
da beiß ich zu – es schmeckt recht gut.
Das Pfirsicharoma kommt etwas herb.
Doch nicht etwa von dem Verderb.
Der Saft ist süß, gallertig dick.
Die Farbe goldig, richtig chic.
Über die Früchte Zucker gestreut
schmeckt dieses Obst sogar noch heut.
Wer hat die Frucht wann, wo gepflückt?
Wer hat die Hälften ins Glas gedrückt?
Warum blieb dieses Glas stets stehen?
Warum ist seither nichts geschehen?
Sehr spät kommt hier der Essgenuss.
Er ist für mich schon wie ein Gruß
wie aus den frühen Kindheitstagen.
Ich hör die Mutter wieder klagen,
dass Stachelbeeren wieder reifen,
dass alle Hände wieder greifen
in diesen dornbewehrten Strauch.
Das war damals nun mal so Brauch.
Im Sommer wurde eingemacht,
was Strauch und Baum zur Reif gebracht.
Auf Vorrat war man damals stolz –
im Winter dieser Reichtum schmolz.
Bald ist geleert der Gläserschatz.
So war die Arbeit nicht für die Katz.
Doch eingeweckt werden keine Beeren.
Die leeren Gläser vielmehr stören.
Es bleiben nur Erinnerungen
und der Geschmack auf jungen Zungen,
als Kirschen kamen aus dem Glas
mit süßem Pudding – welch ein Spaß.

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Ein Kommentar zu “Alteingeweckt

  1. Sehr schön 💕. Da wird die eigene Kindheit wieder lebendig. Ich wünsche dir friedliche Ostertage. LG von gartenkuss 🙋 ☀🍀🐝

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