Mein erster Ball – vor 60 Jahren

P1140055Mein erster Ball – vor 60 Jahren

Damals musste ich noch streng katholisch sein.
Die Erstkommunion besaß fast einen Heiligenschein.
Als kleiner Knirps fieberte ich hin zu diesem Tag –
Ungeheures, Aufregendes in der Maienluft lag.
Die kirchliche Prozedur war sorgfältigst einstudiert
Der tiefblaue Anzug saß gut, am Revers war Schmuck drapiert.
Nach eineinhalb Stunden gab es den befreienden Segen.
Es ging schnell nach Hause – der vielen Gäste wegen.
Eine Kochfrau sorgte für ein reichgutes Festtagsessen.
Jede Familie musste sich da mit den anderen messen.
Und dann gab es für das Kommunionkind ja noch die Geschenke:
Wenn ich mich so erinnere und sorgfältig denke,
habe ich wohl über 20 Topfblumen entgegengenommen
meist mit einem Brief mit besten Wünschen, meist überfrommen.
Dass ich mit acht Jahren schon solch ein Zimmerpflanzenfreund war,
das wurde mir an dem Feiertag eigentlich immer noch nicht klar.
Drei oder vier Muttergottesfiguren aus zerbrechlichem Ton
waren auch für den gehorsamen Glauben ein würdiger Lohn.
Mindestens zwei Rosenkränze jeweils in einem kleinen Etui
waren auch dabei – ich glaube, ich benutzte sie nie.
Achtzehn Bücher – oder waren es doch noch einige mehr –
davon liebte ich auserwählte später beim Lesen sehr.
Von der Patentante bekam ich eine nagelneue Bifora-Uhr.
Die ersten drei Jahre lang trug meine Mutter diese nur.
Ich sei noch zu klein für solch ein wertvolles Stück.
Abgetragen bekam ich sie später ja auch wieder zurück.
Auch damals schenkte man kleineren Kindern schon Geld.
Im Sparbuch hab ich bald meine ersten Zinsen gezählt.
Damals waren es drei, vier sogar fünf Prozent.
Geldzuwächse, die heute keiner mehr kennt.
Ein Geschenk jedoch das stellte alles andere in den Schatten.
Die, die es für mich ausgewählt hatten,
hatten für die Wünsche eines kleinen Burschen den richtigen Sinn.
Ein neuer Fußball das war für mich der absolute Hauptgewinn.
Er war zwar nicht aus edlem Rindsleder genäht.
Jedoch weiches Gummi ordentlich fest aufgebläht
ließ Kinderaugen auch richtig funkeln und glühen.
Ich wollte sofort auf die Straße, um mit ihm zu spielen.
Ich vergaß die Kommunion, die Gäste, die vornehme Feier.
In meinen Füßen, im Kopf nichts anderes als Fußballfeuer.
Der neue Ball – wie hoch sprang der durch die Luft.
Da lockte kaum noch der köstliche Bratenduft.
Wie lang dieser Ball seine Luft behielt –
wie viele Stunden habe ich mit ihm wohl gespielt –
Das weiß ich heute wirklich nicht mehr.
Der schöne Moment ist so lange her.
So war der Festtag am Ende für den kleinen Klienten doch ziemlich rund.
Ein paar Gramm brauner Gummi waren dafür wohl der Grund.

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