Römische Gipsreplik

P1130808Römische Gipsreplik

Auf einem Pfahl steckt eine Büste –
als ob nicht jedermann gleich wüsste,
dass dieser smarte Römerblick
nichts anderes ist als eine Replik.
Für kleines Geld kriegt man die Schönen
von allen Göttern und deren Söhnen.
Man braucht dazu nur etwas Gippes
und fertig ist der billige Nippes.
Die Originale sind aus feinstem Marmor
In Carrara kommt solcher vor.
Die schöne alte Bildhaukunst
erfreut sich heute noch an der Gunst
der Museumsbesucher – jung und alt.
Ein schöner Körper wird nie kalt.

Weit entfernt vom Ruhme ist dieses Stück –
nur Dekozeug auf den ersten Blick.
Es fand einen Platz in einer Gartenecke
etwas versteckt neben einer Hecke.
Am Anfang war sie blendend weiß.
Dann kam der erste Vogelscheiß.
Wo einer macht, da folgen bald
die nächsten Täter meistens halt.
Auf der gedüngten Oberfläche
landet auch Staub – nicht von der Zeche.
Im Bergbau war doch die letzte Schicht.
Sein Staub fällt nicht mehr ins Gewicht.
Dem Römer wachsen Flechten über die Haare –
die Wangen voller Algen schon etliche Jahre.
Die Natur bemalt mit lebendiger Haut
das ganze Gesicht langsam ehrlich ausschaut.
Aus der Replik, aus dem wertlosen Tand
veränderte die Zeit mit ihrer Hand
das aus der Form gepresste Gesicht
mit jeder hier ankommenden neuen Schicht.
Aus der so anonymen Gipskopie
löst sich das Erbärmliche irgendwie.

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