Eine kranke Hühnergeschichte

P1150353Eine kranke Hühnergeschichte

Als wir aus dem Urlaub zurückkamen, meinte unser Sohn, ein Huhn würde seit etwa zwei Wochen glucken. Wir dachten sofort, das ist eines der Zwerghühner. Die wollen eigentlich immer im Sommer und sitzen ständig auf Nestern, in denen ein paar Eier liegen. Als ich am nächsten Tag mal nachschaute, wer da Nachwuchs ausbrüten wollte, war ich doch ziemlich überrascht. Die letzte der Lakenfelderhennen – schon fortgeschritten alt – saß auf einem Hühnernest fest entschlossen zu brüten. In den nächsten Tagen beobachtete ich sie. Wenn die alte Dame mal kurz zum Fressen ihre Brutstätte verließ, setzen sich Kolleginnen von ihr auf die angebrüteten Eier und fügten ein frisches hinzu. Sowie das Nest besetzt war, setze sich die alte Glucke auf ein benachbarter Nest, einfach um weiter zu brüten. Ihr eigentliches Nest drohte dann auszukühlen. Ich musste dann geschwind die Eier unter ihrem Bauch entfernen und sie aus dem falschen Nest vertreiben. Danach kroch sie wieder auf das richtige Nest und wärmte die wachsenden Embryonen. Ich hatte immer wieder die Sorge, dass die Eier in der wärmelosen Zeit Schaden nehmen und die Entwicklungsstadien absterben. An einigen Tagen musste ich diese Korrekturmaßnahmen durchführen – immer mit dem bösen Gefühl, dass ich zu spät kommen würde und der Bruterfolg längst passe war. Wann der Schlupftag kommen würde, wusste ich nicht genau. Wenn ich über das Gelege so resümierte, kam ich zu folgender Bilanz: Die Eier waren nicht immer bebrütet. Eine ungewisse Zahl an Eiern sind während der Brutphase noch dazu gelegt. Ich hatte das Gefühl, dass einige Eier kaum zum Schlüpfen kommen würden. Waren die anderen überhaupt alle befruchtet? Was passieret mit den später dazu gelegten, wenn die ersten Küken schlüpfen?
Nach drei Wochen tat sich noch immer nichts. Eigentlich wusste ich nicht ganz genau, wann die drei Wochen wirklich verstrichen waren. Meine Hoffnung auf Hühnernachwuchs schwand. Der alten Henne gab ich noch ein, zwei Tage. Dann wollte ich die faulen Eier entsorgen und die Henne aus ihrer Brutsucht befreien. An dem Tag, wo ich das glücklose Unternehmen beenden wollte, hörte ich plötzlich leises Piepen unter meiner Henne.
Ich hob die Glucke vorsichtig etwas hoch und entdeckte drei Küken. Zwei von ihnen waren
hellgelb und das dritte fast schwarz gefärbt. Ansonsten sah ich nur auf ungeschlüpfte Eier ziemlich mit Schmutz verkrustet. Was war nun zu tun? Mit meiner Frau überlegten ich, wie wir die kleine Familie gut unterbringen konnten. Vor einiger Zeit hatte ich einen kleinen Holzstall erworben, den man so aufstellen konnte, dass er von oben leicht geöffnet werden konnte. Die neue Bleibe stellten wir auf den Rasen, so dass alle vier Tiere immer frisches Gras fressen konnten. Für alle gab es am Anfang sehr grob gemahlenes Körnerfutter und ständig frisches Wasser – das soweit zur Vorgeschichte.
Als wir die Glucke mit ihren Küken in ihr neues kleines Heim umquartieren wollten, sahen wir, dass die linke Gesichtshälfte sehr stark angeschwollen war und die Henne sehr entstellt wirkte. Unter dem Auge und hinter dem Schnabelende ragte ein kugelförmiges Gebilde hervor. Wir hatten sogleich große Sorge um die junge Hühnermutter und überlegten, wie wir ihr helfen konnten. Meine Frau ist in diesen Dingen couragierter und nahm das kranke Tier in die Hände. Ich besorgte eine Pinzette, mit der wir vielleicht Abhilfe schaffen konnten.
Zuerst mussten wir nachschauen, was da eigentlich im Rachenraum passiert war. Obwohl die Henne durch das lange Brüten abgemagert und heruntergekommen war, wehrte sie sich dennoch, den Schnabel aufzumachen. Nur mit Kraft konnte meine Frau den Rachenraum aufsperren. Nun sah man direkt auf das Problem. Eine gelblich-käsige Masse hatte dort gewuchert und drückte stark nach außen. Die Masse war recht zäh und ließ sich nur in kleineren Portionen mit der Pinzette herausziehen. Bei jedem Versuch gab das Huhn klägliche Schreie von sich. Sobald die Pinzette in den Krankheitsherd eindrang, verschloss das Huhn seine Augenlider und zuckte bei jeder Entnahme von Gewebe stark zusammen.
Die Operation ohne Betäubung dauerte schon einige Minuten. Dann war ein Großteil der Gewebewucherungen entfernt. Dort, wo diese gelbe Masse entfernt wurde, kam es zu Blutungen. Am Ende wurde die Außenseite des Krankheitsherdes mit schwarzer Salbe eingecremt – in der Hoffnung, diese würde nützen. Danach kam die Henne wieder zu ihren Küken, die sie wieder liebevoll und aufopfernd versorgte. Immer wieder legte sie den Kleinen Futter vor die Schnäbel und forderte sie in ihrer speziellen Muttersprache auf, dieses zu fressen. Sie selbst fing erst dann an, sich selbst zu versorgen, wenn alle Küken satt waren und weitere Nahrung liegen ließen.
Wir wollten herausfinden, welche Krankheit unsere Henne so verunstaltete. Über das Internet fanden wir einige Hinweise, ohne jedoch Klarheit über die Ursache dieser Wucherungen zu erhalten. Unser Huhn war etwa sieben Jahre alt und dieses Alter ist schon grenzwertig. Längst nicht alle Hühner erreichen solch ein Seniorenstadium. War die Erkrankung ein Abszess, eine Infizierung mit Erregern oder eine Form von Krebs?
In der ersten Phase haben wir das Huhn alle 2-3 Tage operiert. Immer wieder die gleiche Prozedur, die Gewebeteile aus ihrer Backentasche heraus zu pfriemeln. Dazu die lauten Schmerzensschreie, wenn die Pinzette auf Nerven traf und die Versuche des Huhns, sich aus der eingeklemmten Lage über Flucht zu befreien.
Nach einigen Tagen in dem kleinen Holzkäfig, ließen wir die vier frei im Garten herumlaufen – sehr zur Freude aller. Die Glucke konnte allerlei Getier wie Spinnen, Käfer Asseln und Würmer für ihren Nachwuchs suchen. Auch die Küken fingen sofort an, tierische und pflanzliche Nahrung aufzunehmen. Zwischendurch bekamen sie aber immer noch gemahlene Körner und fein gehackte Fleischreste. Die Glucke kam immer auf mich zugelaufen, weil sie schon wusste, dass ich gutes Futter für den Nachwuchs dabei hatte.
Dreimal am Tag gab es diese Sonderverköstigung und bald warteten die vier schon an der Kellertür auf die nächste Abspeisung.
Der Krankheitsverlauf war am Anfang so, dass fast immer in etwa die Gewebemasse nachwuchs, die jeden Abend mühselig entfernt wurde. Dann änderte sich die Situation derartig, dass unter der Zunge ebenfalls Gewebe wucherte und der Glucke das Herunterschlucken von Nahrung – insbesondere größere Happen – sehr erschwerte, teilweise sogar unmöglich machte. Ohne unsere Hilfen und die geschickte Operationstechnik meiner Frau, wäre das Huhn abgemagert und verhungert bzw. erstickt.
Wir wollten jetzt wissen, wie wir dem Tier vielleicht dauerhaft helfen konnten und recherchierten im Internet weiter. Endlich fanden wir die richtigen Hinweise und erfuhren, dass unser Huhn an der Krankheit „gelber Knopf“ litt. Diese Krankheit ist vor allem bei Tauben häufiger, kommt aber auch bei Hühnern immer wieder mal vor. Nach fast dreißig Jahren Hühnerhaltung haben wir dieses Krankheitsbild erstmalig festgestellt. Um die Glucke wieder gesunden zu lassen, war die Verabreichung eines Antibiotikums vonnöten.
Telefonate mit Tierärzten hatten ergeben, dass einer generell keine Hühner behandelte. Ein anderer sagte, wir sollten mit dem Huhn täglich vorbei kommen. Eine weite Fahrt bedeutete das und die Küken waren noch zu klein, um von der wärmenden Mutter getrennt zu werden.
Eine Lösung lag nur darin, irgendwie an das Antibiotikum zu kommen, um es dann täglich zu verabreichen. Das gelang auf eine näher nicht zu erläuternde Weise. Nun mussten wir errechnen, wie viel von einer Tablette an ein Huhn verabreicht werden darf, das gerade mal noch gut ein Kilo wiegt. Wir mussten es ausprobieren. Wir konnten ja nur gewinnen. Unternähmen wir nichts, dann wären die Tage der alten Mutter gezählt.
Mit jedem Tag, mit dem wir das Gluckenleben verlängerten, wurden die Küken selbständiger. In wenigen Wochen werden die Küken über den Berg sein und brauchen ihre kranke Mutter nicht mehr zwingend.
Die ersten Krümel des Antibiotikums wurden in feuchtes Brot gesteckt und zu kleinen Bällchen geformt, die die Henne gerade noch herunter schlucken konnte. Die beimpfte Brotkugel musste dem Tier tief in den Rachen geschoben werden; denn nur so wurde der Schluckreflex bedient und das Tier konnte den Brocken nicht aus dem Schnabel würgen.
Mehrere Wochen dauert die Behandlung nun schon an. Es scheint so, als ob die Wucherungen nicht mehr so stark wachsen wie bisher. Eine Heilung des Tieres wäre fast wie ein kleines Wunder. Im gesamten Behandlungszeitraum muss das Tier bei der ständigen Gewebeentnahme starke Schmerzen gelitten haben. In der letzten Zeit haben wir dem Huhn täglich störendes Gewebe entfernt. Das Herunterschlucken von Nahrung gelingt zur Zeit immer noch nicht so richtig. Das Huhn möchte gern auch größere Fleischstückchen so wie früher verschlucken. Doch ist der Rachen immer noch so verengt, dass auch Serien von Schluckbemühungen nicht erfolgreich sind. Kleinere Nahrungsstückchen schafft sie gerade noch, so dass die alte Glucke noch ein wenig bei Kräften bleibt.
Was mich in diesen Tagen besonders berührt ist das Verhalten des kranken Tieres außerhalb der schmerzhaften Behandlungszeiten. Die Glucke hat die drei Küken trotz ihrer Schwächung hingebungsvoll betreut und eine Reihe von akustischen Mitteilungen geäußert, die sie sonst nie von sich gegeben hat. Ihr selbstloses Verhalten, was die Nahrungsaufnahme betrifft, ist überwältigend und macht mich eher betroffen, wenn man nicht die Spur von Egoismus bei der Henne wahrnimmt. Noch mehr beindruckt mich, dass die Henne, obwohl sie tagtäglich so leiden muss, sofort auf mich zu rennt, so dass auch die Küken mich im nächsten Moment umringen. Sie nähert sich bis an meine Füße, schaut mich von unten an und hofft auf eine gute Futterzuwendung. Nur wenn ich mich abrupt bewege, weicht sie ein paar Schritte zur Seite, um im nächsten Moment wieder mir näher zu kommen. Sie ist sehr vertraut mit den Tagesabläufen und wartet über die Stunden hin, bis ich wieder mit leckerem Futter vorbei komme. Die abendlichen schmerzhaften Eingriffe nimmt sie uns überhaupt nicht übel. Die Vertrautheit mit diesem alten Huhn ist gewachsen. Den ganzen Tag über streift sie mit ihrem halbstarken Nachwuchs durch die Beete und Sträucher. Abends schlafen inzwischen zwei der Küken schon allein hoch oben auf einem Strohballen im Schafstall. Das dritte kräftigste Küken bleibt noch bei der Mutter und kuschelt sich mit ihr nachts in einem der nicht benutzten Legenester.
Wie die Geschichte einmal ausgeht, weiß ich nicht. Wir hoffen, dass die gute Glucke wieder gesund wird und noch ein paar schöne Tage als Hühnerseniorin verbringen kann. Dass sie noch einmal zu brüten anfängt, halte ich für ziemlich ausgeschlossen. Aber wo ein Wunder geschieht, da könnten vielleicht auch zwei passieren.

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