Fadenscheinige Impressionen

p1160149Fadenscheinige Impressionen

Trag zwei Gläser schon lang vor meinen Augen,
weil diese zum Sehen nicht mehr gut taugen.
Ich seh schon ewig nicht mehr richtig scharf
bei drei Dioptrien Ausgleichsbedarf.
Doch was ich unbedingt erblicken will,
dazu brauch ich nicht die blöde Brill.
Heut in der allerschönsten Mittagszeit
war ich zum besonderen Sehen bereit.
Der allerletzte Oktobertag
im herrlichsten Sonnenlichte lag.
Der Mispelstrauch noch ganz früchteschwer
sein Blattgelb leuchtet – wie längst nicht mehr.
Mein Blick streift ziemlich tief in den Garten.
Halb ausgezogen alle Bäume drauf warten,
dass erster Frost und scharfer Wind
die letzten Blatträuber im Jahre sind.
In der Ferne sehe ich ein hellstes Blinken
von feinsten Fäden, die niemals wohl sinken,
weil sie so schwerelos und ultraleicht –
mancher Faden meterlang durch die Lüfte reicht.
Er spannt sich herüber von Ast zu Ast.
Im Windeshauch gibt es kaum eine Rast.
Spinnen sind mit ihm ins Jenseits geflogen –
haben dann die Seide noch stramm gezogen.
Jetzt verbindet ein allerzartestes Band.
Zwei Bäume geben sich so eben die Hand.
Der brilliantene Faden hängt 20 Meter vor mir.
Von einem tausendstel Millimeter Dicke
da sprechen wir hier.
Nur weil die Sonne an der Seide so wahnsinnig strahlt,
sich ein Bild auf meiner Retina deutlich malt.
So etwas Feines in der Weite zu sehen,
da muss fast ein kleines Wunder einfach geschehen.
Ich hatte dazu heute gerade viel Glück.
Am seidenen Faden kommt nur wenig zurück.

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