Alles Möhre – oder was?

Alles Möhre – oder was?

Jetzt, wo der Winter spät und kalt
braucht man was Warmes ziemlich bald.
Heut möchte ich mir Möhren kochen.
Es gab sie nicht die letzten Wochen.
Ein Sack voll Wurzeln stand im Keller,
die kamen sonst nicht auf den Teller;
denn unsere Schafe kriegten sie:
was Gutes braucht das arme Vieh.
Futtermöhren sind die gewesen,
die als unschön waren ausgelesen.
Zu groß, zu klein, zu krumm, zu dünn
damit macht Handel kaum Gewinn.
Doch unsere Schafe ja die schwören
im Winter sehr auf solche Möhren.
Heut nehme ich mir Prachtexemplare
einfach als prima Handelsware.
Die schäl ich mir in kleine Stücke,
dass mich Gemüse bald entzücke.
Die dickste Rübe, die ich schneide,
zeigt mir ganz harte Eingeweide.<!–more–
Ich betrachte ihre inneren Werte,
die mir der Anblick so bescherte.
Der harte Kern – Zentralzylinder genannt –
lag bald als Scheibe in der Hand.
Von unten beleuchtet strahlt die Möhre
so als ob sie eine Sonne wäre.
Gelbe Flammen schießen durch Karottenrot.
Der Anblick, der sich mir hier bot,
erschien mir fast mysterienhaft –
wie eine Möhre das nur schafft.
Wenn ich dann mein Gemüse kaue
und diese Strukturen bald verdaue,
da bleibt mir dennoch diese Bild.
Meine Fantasie noch länger spielt
mit diesem Eindruck aus der Mitte
von einer Möhre nach dem Schnitte.

Frostkunstgeometrien

Frostkunstgeometrien

Es sind mal gerade drei Wochen her,
da wollten Seerosenblätter sich entfalten.
Selbst der erste Krötenhochzeitsverkehr
ließ auf Frühlingsgefühle hin schalten.
Doch zu früh gefreut, denn es wurde bitter kalt.
Primeln und Krokusblüten Opfer vom Frost
Narzissenknospen erstarrten, machten halt.
Der Winter schickte ihnen nur eisige Post.

Am Gartenteich wuchsen Kristallkonfigurationen.
In magischen Nächten entstanden gläserne Eisdecken.
Sonnenstrahlenfeuer schmolz diese Kompositionen,
um zur Nacht hin wieder Kreativität neu zu entdecken.
So entstanden stündlich Variationen von Wasserstarrheit.
Auch die Orte stärkster Schöpfung wechselten zwanglos.
Was eben beeindruckte, ist später zerflossene Vergangenheit.
Ist das irgendwie noch Kunst oder Laune der Natur bloß?

Das Potential für die Gestaltung, das Maß an Formenvielfalt
scheint grenzenlos und nicht vorhersehbar für Ort und Zeit.
Nichts zwingt Naturkräfte zum Äußersten. Schönheit bleibt kalt.
Kristalle artikulieren sich zu flüchtiger Endlichkeit.
Jeder Morgen macht neugierig. Wie hat der Zufall Struktur geschaffen?
Was für Assoziationen setzen die Eiskonstrukte bei mir frei?
Die messerscharfen Kristalllanzen werden tauend erschlaffen.
Was macht die bildende Hand des Frostes hier am Teich morgen neu?

Mangoldreif

Mangoldreif

Nicht viel Gemüse überlebt,
wenn Frost sein Eis im Winter webt.
Den Sellerie kneift Kälte kaum.
Für Melde ist längs aus der Traum.
Der Grünkohl zeigt sich frisch im Blatt.
Ihn macht der Winter selten matt.
Was mich schon wundert, ist der Mangold –
eine Pflanze blieb, eher ungewollt,
im Beete stehen einsam verwaist.
Jetzt war ihr Outfit kühl vereist.
Die letzte Nacht brachte viel Reif.
Der Boden fror im Froste steif.
Heut trägt der Mangold zartes Kleid
von eiskristalliner Kostbarkeit. Weiterlesen

Hinrichtung am Hansaring

Hinrichtung am Hansaring
(Eine Stadt entwickelt sich)

Bis zum nächsten Wochenende
dürfen zwei gesunde Platanen
vergeblich hoffen auf eine Schicksalswende.
Längst wurde ihr Todesurteil gesprochen
für die beiden stolzschönen Bäume –
endgültig der Stab über sie gebrochen.
Vor vierzig Jahren, als ich hier studierte,
wurden sie gerettet durch Transplantation.
Da Fernwärme nun zu mächtig expandierte,
müssen neue Leitungen durch den Erdenbauch.
Baustellenverkehrsinfarkte drohen.
Der Hansaring verengt zu einem Schlauch.
Damit der Verkehr bloß nicht stille steht,
sind die zwei einsamen, großen Platanen
der Umleitung im Weg und somit ergeht
die Vollstreckung des Urteils zum Tode:
Simultanhinrichtung der beiden: noch bevor die Woche schließt.
Ein Gnadengesuch ist kaum zu erwarten. Weiterlesen

Immer im Fluss

Immer im Fluss

Zaghaft tröpfeln, schüchtern fließen
Quellgeburt oft ärmlich klein,
aus der Tiefe kühl ergießen
Wasser will so flüchtig sein.
Kaum aus Finsternis entlassen
wird der Born im Stürzen schnell.
All die frischen Wassermassen
blinken jugendlich ganz hell.
Aus der Quelle wird der Quellbach
Sein Geschütt rinnt weiter kühl.
Leidenschaft wird langsam wach.
In den Wassern tanzt mehr Spiel.
Steine rollen, Blätter treiben
übern Ast die Welle springt.
Wasser will sich innig reiben,
wogenhaft es gerne singt.
Aus den engen Nachbarschluchten
gießt sich ein so mancher Bach. Weiterlesen

Eiskunstwerke

Eiskunstwerke

Den Winter hielt ich für vermisst.
Seit Tagen buntes Blühwerk sprießt,
als ständ der Lenz längst in der Tür
begleitet mit viel Fluggetier.
Doch über Nacht da kam die Kälte,
die plötzlich Eis in Räume stellte.
Die klare sternenreiche Nacht
hat Winterschönheit uns gebracht.
Ich lauf zum Teich hinten im Garten
und kann den Anblick kaum erwarten.
Vorm Jahr stand ich hier höchst verzückt,
war durch den Frost so hochbeglückt.
Ich hielt damals die Eiskunstwerke
als kaum zu toppen – denn die Stärke
und Vielfalt dieser Eisgestalten
wollten an Schönheit das entfalten,
was so nicht steigerungsfähig schien –
doch diesem Trugschluss sei verziehn. Weiterlesen

Koifliche Fische

Koifliche Fische

Was hier bunt schwimmt,
gern Futter entgegen nimmt,
sind bunte Kois in einem Teich.
Neugierig kommen sie sogleich,
wenn sich am Rand ein Mensch mal zeigt
den Kopf zum Wasser tiefer neigt.
Japanisch ist der Garten hier
Eleganz und Ordnung zeigen mir,
hier ist der Ort gänzlich verplant.
denn Wildnis wird hier abgemahnt.
Zurück zu buntgescheckten Fischen,
die turbulent das Wasser mischen.
Die Tiere sind bei uns eher fremd.
Zu bunt ist doch ihr Ausgehhemd.
Unser Karpfen trägt ein Silberkleid,
ist auch zu dunklem Braun bereit.
Knallbunt sind Kois erst recht begehrt.
Das steigert mächtig den Marktwert. Weiterlesen