Hinrichtung am Hansaring

Hinrichtung am Hansaring
(Eine Stadt entwickelt sich)

Bis zum nächsten Wochenende
dürfen zwei gesunde Platanen
vergeblich hoffen auf eine Schicksalswende.
Längst wurde ihr Todesurteil gesprochen
für die beiden stolzschönen Bäume –
endgültig der Stab über sie gebrochen.
Vor vierzig Jahren, als ich hier studierte,
wurden sie gerettet durch Transplantation.
Da Fernwärme nun zu mächtig expandierte,
müssen neue Leitungen durch den Erdenbauch.
Baustellenverkehrsinfarkte drohen.
Der Hansaring verengt zu einem Schlauch.
Damit der Verkehr bloß nicht stille steht,
sind die zwei einsamen, großen Platanen
der Umleitung im Weg und somit ergeht
die Vollstreckung des Urteils zum Tode:
Simultanhinrichtung der beiden: noch bevor die Woche schließt.
Ein Gnadengesuch ist kaum zu erwarten.
Doch kein Mensch die Bäume im Morgengrauen erschießt.
Motorsägen zerstückeln sie am lebendigen Leib
die größten Lebewesen hier vom Hansaring.
Rätseln mag man dann über den Verbleib
der Baumleichenteile. Gibt es eine Feuerbestattung?
Oder werden die Körper kompostiert – als Erde verkauft
an die Bürger von Münster? – Die grüne Beschattung
geopfert für die rechthaberische wirtschaftliche Infrastruktur.
Häuserzeilen als Baumschutz vorübergehend zurückzubauen,
das kam keinem wirtschaftsförderndem Raumplaner in den Sinn.
Zwei Bäume bleiben rechtlich betrachtet nur Sachen.
Man liebt ihre Anmut, preist ihren Umweltgewinn.
Wenn Bäume rasante Stadtentwicklung zunichte machen,
dann urteilt ein Gericht, fällt die Höchststrafe – mit gewissem Bedauern,
weil ja Anwohner den unnatürlichen Tod eines Baumes betrauern.
Am Hansaring ändert sich bald die Straßenbildsilhouette
Die nächsten Bäume fallen demnächst an anderer Stätte.
Es wird neu gepflanzt an Stellen, die vorerst noch nutzungsfrei.
Braucht das Wirtschaftswachstum die Fläche, dann ist alles vorbei.
Was als Stadtgrün so gelobt, in der Wohltätigkeit hoch geehrt,
ist über Nacht nur noch eine kleinere Pressenotiz wert.
Auch wenn sich Baumbeschützer lautstark artikulieren,
der Baum am unerwünschten Ort wird wohl immer verlieren.
Hörte man von allen verurteilten Bäumen laut ihren Todesschrei,
dann wäre es mit der kaltblütigen Rechthaberei vielleicht vorbei.

Ein Kommentar zu “Hinrichtung am Hansaring

  1. Das ist des Leides Stadtseegen,
    Erst pflanzt man Grün der Schönheit wegen.
    Und weil grün bringt gute Luft,
    bringt auch etwas Schatten mal,
    zu sitzen wie im Grünen Tal.
    Solange klein die Pflänzchen sind,
    Und sie der Technik auch nicht stören,
    solange können sie die Menschen doch betören.
    Doch wird mal etwas zu groß,
    weg damit, was soll das bloß.
    Sowie auch oft mit alten Leuten,
    habe ich geseh’n,
    Weg damit wenn sie im Wege steh’n
    Das sind sagt man „Moderne Zeiten“
    Alter muss der Dummheit weichen.

    Wenn früher Opa pflanzte für den Enkel,
    damit dieser hat Erinnerung an die Vergangenheit,
    Heutzutage ist es umgekehrt,
    Enkel pflanzen, doch alt werden ist nichts wert.

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