Briefmarkenmelancholie

Briefmarkenmelancholie

Es war das Jahr des Wunders von Bern.
Ich erinnere mich an das Jahr noch gern.
Nicht wegen des Fußballs
sondern wegen meiner Tante Hety;
denn gerade sie
schenkte mir zu meinem Schulbeginn
ein Briefmarkenalbum – wohl mit dem Sinn,
diese zu sammeln und zu vermehren.
Nach immer den Neuen zu begehren.
Eine Lupe, eine Pinzette gehörten dazu.
Jetzt ließen mich die Marken nicht mehr in Ruh.
Von jedem Brief, jeder Karte, selbst vom Paket
wurden die Wertzeichen wieder abgeklebt.
Wasserdampf half bei der Prozedur.
Die neue Marke zählte immer nur.
Die alltäglichen Postzeichen häuften sich bald.
Selbst die hundertste Dublette ließ mich nicht kalt.
Nach Alter und Land wurde ständig sortiert,
damit man den Überblick nur nicht verliert.
Erst 100 dann 1000 – das Zählen fiel schwer.
Bald mussten schon etliche Alben her.
Das Taschengeld war meist sofort schon verplant.
Am Postamt wurden Sondermarken abgesahnt.
Aus Katalogen wurden die Werte notiert.
Der jährliche Zugewinn heimlich addiert.
Wie fühlte ich mich reich durch die Postwertzeichen.
Mit Freunden ging es bald ans Vergleichen.
Wer hatte die meisten – wer das beste Stück?
Briefmarkensammeln brachte vielen viel Glück.
Irgendwann sank merklich die Sammellust.
Eine fehlende Marke war nicht mehr Frust.
Das Geld erschien für die Marken eher zu schade.
Pinzette und Lupe blieben in der Lade.
Dazu kam eine fürchterliche Inflation,
Der Markenwert sank und der Sammlerlohn,
der noch vor Jahren mich angelacht,
ist ins Bedeutungslose eingekracht.
Zwanzig Alben oder mehr stehen im Regal.
Es interessiert nicht mal die genaue Zahl.
Sie verstauben und warten auf den jüngsten Tag.
Ob jemand die Marken später noch mag?
Vielleicht nimmt ein Enkel sie in seine Hand,
knüpft somit von damals nach morgen ein Band.

Was hab ich die Marken doch genau studiert.
In den fremden Sprachen oft fabuliert.
Könige, Herrscher und Musen erblickt
Tiere und Pflanzen im Bildnis entzückt.
Im Stempel wurde so vieles gelesen.
In welcher Stadt ist der Brief zuvor gewesen.
Das Datum war auf die Marke gedrückt.
Auf Ersttagsbriefen ein Sonderstempel schmückt.
Über Briefmarken habe ich vieles gelernt.
In Gedanken oft mich dahin entfernt,
wo diese Marken ihre Reise begannen.
Dahin konnte ich meine Träume spannen.
Hin und wieder nehme ich ein Album in die Hand.
Habe die Geschichte mancher Marke wieder erkannt.
In den Alben kann ich Vergessenes finden,
mich wieder mit meiner Jugend verbinden.
Die eine Marke zeigt sich mir stumm und verschlossen.
Aus einer anderen ist so viel Erinnerung geflossen.

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