Der erste Reif

Der erste Reif

Als heute der Tag sein Licht erblickt,
hat kalte Nacht ersten Reif geschickt.
Gestern stand ich an der Brennnesselflur
sah eigentlich grünendes Blattwerk nur.
Die feuchte Luft, der nächtliche Tau
die brachten eisig etwas zur Schau,
was sonst dem Auge verloren blieb.
Der Reif nun feine Zeichen schrieb.
Obwohl die Blätter leicht angefroren
so erschienen sie wie neu geboren. Weiterlesen

Der Boden isst

Der Boden isst!

Am Ende stürzt die Frucht vom Baum.
Auch endet nun der Blätter Traum,
sich endlos weich im Wind zu wiegen.
Vom Zweig gebrochen viele liegen
als Gefallene im gemeinsamen Verbund.
Boden nimmt alles in seinen Mund.
Diese Streuschicht die verschlingt er bald.
Alles Abfällige lässt ihn nicht kalt.
Was hier die Erde reichlich bedeckt,
verschiedenen Essern richtig gut schmeckt.
Zwar holen Vögel sich noch von den Früchten,
die schimmelnd schon ins Jenseits flüchten.
Auch Ratten wittern ein Abendessen,
haben nagend vor den Quitten gesessen.
Doch nun kommt das Zersetzerkollektiv –
so mancher hat seinen Gesellenbrief
im Shreddern, Raspeln oder Schneiden. Weiterlesen

Ein Überlebender

Ein Überlebender

Nach den Sommerferien wartet bereits erstes Weihnachtsgebäck
in den Regalen aller Discounter – für viele ein Schreck.
Im frühen Herbst mehren sich dann die festlichen Produkte,
auf die man früher erst in der Adventszeit verführerisch guckte.
Ist dann am Weihnachtsfest endlich das Christkind geboren,
haben wohl sehr viele den Appetit auf Spekulatius längst verloren.
Auch die Blumenindustrie wittert jedes Jahr ihr gutes Geschäft.
Sie schreibt sich schon Monate im voraus die Vermarktung ins Heft.
In jedem Haushalt sollen wieder prächtige Weihnachtssterne stehen.
Da muss man rechtzeitig in die millionenfache Produktion gehen.
Nach Weihnachten oder im frühen neuen Jahr wird der Stern Müll.
Das ist und bleibt für den Blumenhandel auch immer sein Ziel.
Der Weihnachtsstern selbst würde gern weitere Feste erleben.
Nur dazu muss der Käufer ihm aber auch eine ehrliche Chance geben. Weiterlesen

Kaninchenplage

Kaninchenplage

Bei meinen Spaziergängen durch Wald und Feld
merkte ich irgendwann, dass hier etwas fehlt.
Auch in Grünanlage, Friedhof und Garten
muss ich zuletzt meistens sehr lange warten,
bis ich ein Kaninchen am Boden hoppeln sehe.
Das war anders, wenn ich in die Jugendzeit drehe.
Allerorten waren Karnickelspuren unübersehbar.
In jedem Sandhaufen im Neubaugebiet waren sie da.
In jeder Rasenfläche, in den Parks neu angelegt,
wurde von den kleinen Hasen viel Erde bewegt.
Alle die geselligen Gruppen bei Dämmerung fraßen
und dann auch ihre Verdauung keineswegs vergaßen.
Wohlgeformte Kaninchenköttel lagen weit verstreut.
Das hat vor allem Gartenfreunde weniger erfreut. Weiterlesen

Manches bleibt

Manches bleibt

Immer wieder gern betrachte ich diesen Fisch
Er ist zwar nicht mehr ganz so frisch.
Er will und wird aber niemals mehr stinken.
Auch kann er tiefer kaum noch sinken.
Meine Gedanken kreisen um das frühere Geschehen
Viele große Fragezeichen ja die stehen
in meinem trüben Erkenntnisraum.
Eine Lösung dieser perfekten Versteinerung finde ich kaum.
Stirbt ein Fisch bei uns in einem Gewässer
und finden ihn keine hungrigen Fischfresser,
dann fault der Fischkadaver in kurzer Zeit.
Nur noch sein Gerippe etwas länger bleibt.
Würde die Zeit noch einmal so lange vergehen,
die damals diesen Fisch ließ entstehen,
fänden wir dann fossile Fische von heute?
Ob ich das Zukünftige irgendwie realnah deute?
Was damals im Meer oder Fluss geschah,
legt wohl eine unheimliche Dramatik nah.
Der Tod für diesen Fisch kam wie ein Blitz auf die Schnelle.
Der Leichnam wurde beerdigt auf der Stelle
mit einer mächtigen Schicht Sediment,
in der man kaum eine Verwesung kennt.
Ohne Sauerstoff, ohne jegliches Bakterium
legte sich der Mantel der Versteinerung.
Meere sind verschwunden, Gesteine wanderten in die Höhe.
Was ich auf dieser Steinplatte heute sehe,
ist ein Kapitel aus der Ozeanographie
eine sehr frühe Erzählung der Fischbiologie.
Beim Betrachten des Fossils schwirren weitere Gedanken,
die sich um den Erhalt älteren Lebens ranken.
Ich war einst in Pompeji in studentischen Jahren
und hab dort in sehr drastischen Bildern erfahren,
was der Vesuv in kürzester Zeit mit Lava und Asche bedeckt
und was fast zweitausend Jahre im Gestein blieb versteckt.
Auch hier ist trotz der Hitze vieles erhalten geblieben
meterdick verschüttet und geschützt vor den Dieben.
Manches bleibt als Zeugnis einer verschollenen Zeit.
Allermeistes verschwindet – untauglich für die Ewigkeit.
Ich blicke noch einmal zurück auf ca. 50 Millionen Jahre
und was ich dabei so ein bisschen erfahre,
ist ein bescheidenes Gefühl von dem Phänomen Zeit –
unbegreiflich bleibt die anfang- und endlose Ewigkeit.

Ohne Foto

Ohne Bild

In vielen Geschichten, Berichten, Gedichten
wollte ich bisher niemals auf Bilder verzichten.
Neben all den geschriebenen Worten
konnte ich auch immer den Blick verorten.
Worte und Gedanken sind – wie gesagt – frei.
Bilder bringen immer Realitäten herbei.
Heute beschreibe Bedrückendes ganz ohne Bild.
Was nicht nur mir verloren ging, die Hauptrolle spielt.
Neulich bei einem Herbstspaziergang traf ich einige Stellen,
wo inzwischen die Besonderheiten fehlen.
Ein kleiner Bach in der Nähe beherbergte Flussmuscheln im Sediment.
Er vertrocknete teilweise, dann ganz. In seinem Sortiment
waren zuvor Köcher-, Stein-, Eintagsfliegen bester Qualität.
Nur noch nach Katastrophenregen Wasser hier steht.
Im nahen Wald hatte ich vor Jahren eine Quelle entdeckt,
in der noch etwas vom ursprünglichen Leben steckt. Weiterlesen

Die weiteren Leben

Die weiteren Leben

Warum der tote Baum hier liegt –
wohl niemand eine Antwort gibt.
War es der Sturm, der ihn zerbrach?
Oder kam der besondere Tag,
an dem durchforstet dieser Wald
mit Motorsäge fiel er bald.
Dieser Baum war höchstens mittelalt,
als solch ein Schicksal für ihn galt.
So tot, wie er als Baum nun war,
kam neues Leben – was dann geschah
hat vielen erst die Chance gegeben
im morschen Stamm für sich zu leben.
Das Leichenholz ist begrünt vom Moos.
Auch sonst ist sichtbar hier viel los.
Es sprießen Pilze in großer Zahl
Ihr Name ist mir ganz egal.
Würd ich den Stamm gut untersuchen,
fänd ich in solchen Totholzbuchen
eine große Schar von Kleingetier: Weiterlesen