Weidegänger

Weidegänger

Mit einer Schafherde oder Ziegen
auf andauernde Weltreise zu gehen
spart viel Kerosine, die beim Überfliegen
der Kontinente durch die Lüfte wehen.
Sich nur von dem zu ernähren,
was die Orte der Begegnung mir bieten,
sich gegen die Globalisierung zu wehren
weder ein Haus besitzen – oder mieten,
das wird von 1 000 Menschen nicht einer wollen.
Reiche leisten sich kostenlos die Armen.
Stickoxidgiftige Autos, die auf Straßen rollen,
kennen mit Klimaschutz wenig Erbarmen.
Abseits davon lässt ein Schäfer seine Herde ziehen.
Seine Hunde helfen ihm dabei, die Tiere zu hüten.
Anderswo Menschen über Grenzen fliehen,
aus Ländern, in denen Hass, Gewalt, Fanatismus wüten.
Die letzten Schäfer sind überall willkommen.
Sie wirken eher wie ein Stück lebendiger Geschichte.
Wie viele von den Flüchtlingen werden aufgenommen?
Entscheiden darüber Politiker oder deren Gerichte? Weiterlesen

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Ein Kirschenblatt

Ein Kirschenblatt

Ein Kirschenblatt
liegt platt
im Gartenteich.
Sogleich
kommen Schnecken
aus allen Ecken
raspeln mit scharfer Zunge
das nicht mehr ganz so junge
Teil vom Kirschengeäst
ein Schlemmerfest
für Schlamm- und Tellerschnecke.
Auf der Kirschblattdecke
liegt überall Kot:
Zeichen fehlender Hungersnot.
Vom Blatt wird nicht viel bleiben
durch Einverleiben.
Viele Tiere fressen
gern beim Falllaubessen.
Alles Gewebe, alle Haut
werden verdaut. Weiterlesen

Blattblut

Blattblut

Die süßen Trauben sind schon längst verspeist,
Drosselmitesser ebenfalls verreist.
Doch kann der Rebstock noch einmal verschenken,
wenn wir dabei an seine Herbstblätter nur denken.
Was im Oktober mittendrin im Blatt passiert,
wie sich das Bild von Tag zu Tag noch mehr verziert,
das ist schon einer Betrachtung wert –
Schönheit sich schwelgerisch vermehrt.
Ich halte Rebblätter so ganz direkt ins Sonnenlicht,
bis sich Gestrahle in den Zellen bricht.
Grüne Gewebeteile springen urplötzlich grell ins Rot.
So fröhlich bunt färbt selten sich sonst Tod.
Die alten Blätter scheinen innerlich zu bluten.
An vielen Stellen will hier Rot breit fluten.
Aus einem winzig kleinen ersten Areal
schießt bald das Feuer wild als heißer Strahl.
Zwischen Grün und Rot scheint es an Farben nichts zu geben. Weiterlesen

Artenerosion

Artenerosion

Die Welt gewinnt täglich an Menschen mehr
verliert aber an Arten dafür um so sehr.
Wenn homo sapiens Milliardenmarken knackt,
die Biodiversität an Arten tief ins Minus sackt.
Zahlt Menschheitswachstum mit neuen Rekorden
mit einem Lebendigkeitsverlust durch Artenermorden?
Ich gebe meinen Enkeln eine Welt in die Hand,
aus der während meiner Zeit so viel Leben verschwand.
Neulich fand ich auf dem Trödel ein schönes Objekt,
in dem ein Stück Trauer der Weltmeere steckt.
Ein Korallenskelett hübsch gewachsen einmal.
Darin lebten einst Polypen in fast unglaublicher Zahl.
Vielleicht wurde das Stück schon tot aus dem Riff gerissen –
doch auch diese Tat beruhigt kaum mein Gewissen.
Diese Korallen wurden fürs Aquarium gehandelt.
So wurde ein Fischgefängnis mit Zauber verwandelt.
Heute sterben oder siechen Korallenriffe dahin –
eine Rettung utopisch, macht scheinbar keinen Sinn.
An toten Korallen werden wir reichlich bald erben.
Dafür musste atemberaubende Vielfalt einfach nur sterben.
Gestern war in den Medien erneut darüber zu lesen,
die Zeit der Insekten ist für die meisten wohl gewesen.
Dreiviertel Sechsbeiner fehlen an gut untersuchten Orten.
Mir fehlt fast die Sprache mit geeigneten Worten. Weiterlesen

Abschlussball

Abschlussball

Der Ballsaal wird prachtvoll erleuchtet.
Vögel musizieren vom Rande her.
Morgendunst hat Schilf befeuchtet.
Die Sonne schlürft die Tropfen leer.
Wo aufgespielt, da will man tanzen
Ein Mückenschwarm hüpft auf und ab.
Auf wenn verwelkt, vergilbt die Pflanzen
kommt jetzt die Laune bald auf Trab.
Die Wasserjungfern, die Libellen
stürmen liebestoll nun das Parkett.
Über den an sich ruhigen Wellen
wird Rendezvous bald ziemlich nett.
In wilden Kurven, steilen Stürzen
jagt Libellenmann die Jungfer heiß. Weiterlesen

Oktobermohn

Oktobermohn

Was blüht denn da so feuerrot –
der Anblick, der sich mir heut bot,
gaukelt zurück mich in den Mai,
der hatte soviel Mohn dabei.
Vom Oktober sind zwei Wochen passe.
Seit Tagen Weinlaub ich anseh,
wie es vom Grünen springt ins Rot.
Das Blattwerk ist dabei fast tot.
Doch hier wird Leben explodiert.
Die Blüte spät noch triumphiert
und wird belohnt vom schönsten Tag,
den dieser Herbst uns schenken mag.
Auch Bienen freuen sich noch spät.
Vom Efeu schwerer Duft her schwebt,
der meldet gar ein Blütenmeer.
Das lockt von nah und fern daher.
Oktobermohn er leuchtet weit.
Das Sonnenlicht in dieser Zeit
erreicht längst nicht mehr den Zenit,
den sommertags die Kugel ritt. Weiterlesen

Ende einer Zitrone

Ende einer Zitrone

Was da heute vor mir liegt
wenige Gramm gerade noch wiegt,
ist ein Zitronenkadaverrest,
der so nicht mehr vermuten lässt,
dass diese Frucht fast vor einem Jahr
ein Inbegriff von Frische war.
Neben Malta ist Gozo gelegen.
Eines Verwandtschaftsbesuches wegen
verweilte ich auf diesem Inselort,
war ein paar Tage gerne dort.
Gozo war damals ziemlich grün.
Nach Herbstregen begann es zu blühn.
Zitrusfrüchte leuchteten weit
waren zum Ernten reif bereit. Weiterlesen

Quellgeflüster

Quellgeflüster

Überaus vorsichtig
tasten sich
dünnhäutige Wasserfilme
an das Licht des Tages.
Sie lecken durch feinste Ritzen,
durchstöbern mit weicher Berührung
viel Herbstgerümpel
im lichter werdenden Buchenwald.
Ein morschmodriger Ast
liegt allem Fließen quer.
Pulsierende Spuren
zerspleißen zu Adern,
weichen Hindernissen aus,
um sie dann
sanft zu umspülen.
Irgendweit klingeln
kristallene Tropfen
stürzen als hellblanke Töne
in den gehöhlten Stein. Weiterlesen

Oktoberfest

Oktoberfest

Den Garten im Oktober zu sehen,
ist widersprüchlich hässlich schön.
Hier lacht ein Meer asternviolett –
dort ertrinke ich im Falllaubbett.
Heut zeigt sich bunt ein Schmetterling
rollt aus sein rüsselhaftes Ding,
um letzten Nektar süß zu schlürfen.
Die reifen Äpfel ja sie dürfen
am Zweige nicht mehr länger hängen.
Denn Vogelschnäbel sie bedrängen.
Bald liegt die Frucht fies angepickt.
Wenn sie am Boden reglos liegt,
dann fault der Rest bald über Nacht. Weiterlesen

Sandrosenerosion

Sandrosenerosion

Im Wüstensand gewachsen
mit vielen quergestellten Achsen
gewinnst du eine ziemlich verrückte Form.
Asymmetrisches ist eher die Norm.
Sandrose ein Widerspruch in sich –
solch Calciumsulfat ist für mich
ein Spiel der Kristalle
mit einem Sandkorn in der Falle.
Dieser Gips schmückt sich sehr dekorativ
verborgen in der Sahara tief.
Jetzt liegt davon ein kleineres Stück
auf der Trockenmauer mir im Blick.
Wenn Sandrosen dem Wasser begegnen,
Tropfen auf sie herab regnen,
dann löst sich langsam ihre Gestalt.
In unseren Witterungen werden sie nicht alt.
Zuvor in Jahrmillionen ballt
sich das Mineral zur Unverwechselbarkeit. Weiterlesen